Fachausdrücke

Liste philologischer Fachausdrücke

aberratio oculorum:
Das Auge des Lesers springt von einer Textstelle zu einer gleichlautenden Stelle in der näheren Umgebung, vor allem wenn die beiden Stellen gewisse äußere Merkmale teilen (etwa zwei mehr oder minder unmittelbar aufeinanderfolgende Zeilen, die jeweils mit demselben Wort beginnen: das nennt man dann “Zeilensprung”); beim Abschreiben (wo man ja noch dazu ständig zwischen Vorlage und Kopie hin und herschaut) führt das dazu, dass der Text zwischen der ersten und der zweiten Stelle ausgelassen wird. Z. B.: “Marcus faßte an den Onkel zu schreiben.”, entstanden aus: “Marcus faßte an den Kalenden des März den Entschluß, einen Brief an den Onkel zu schreiben.”: Das Auge ist offenbar vom ersten “an den” gleich zum zweiten gesprungen.

Athetese (athetieren):
Streichung durch einen Herausgeber. Wird im Text durch eckige Klammern – [ ] – angezeigt.

Codex (Pl. Codices):
Gebundenes Buch bestehend aus mehreren Lagen, im engeren Sinn Handschrift (Abk. Hs.) – auch der Gaar-Schuster ist seiner Form nach ein Codex.

Crux (Pl. Cruces):
Ein gängiges Zeichen in Texteditionen zur Markierung von † nach Meinung des Herausgebers unheilbar verdorbenen † Textpassagen.

Diplomatische Abschrift:
Ein Codex wird Buchstabe für Buchstabe abgedruckt, unter Beibehaltung aller äußeren Merkmale (Umbruch, durchgestrichene Wörter, …); eine solche Abschrift kann als Ersatz für einen schlecht zugänglichen Codex dienen. Heute nicht mehr sehr üblich, weil man eher ein Faksimile anfertigt.

Dittographie:
Ein Buchstabe/Silbe/Wort wird irrtümlich zweimal hingeschrieben, z. B. dedecus statt decus.

Edition:
Auch als “kritische Edition” bezeichnet (v. a. in neusprachlichen Philologien). Nach wissenschaftlicher Methode konstituierter (s. Text konstituieren) Text mit kritischem Apparat und (nach Bedarf) Similien- bzw. Testimonienapparat. Übersetzung, Kommentar oder andere Hilfestellungen können hinzutreten, sind aber nicht notwendiger Bestandteil einer Edition.

Editio princeps:
erste Veröffentlichung eines Textes im Druck.

Emendation (emendieren):
Korrektur von Überlieferungsfehlern durch einen Herausgeber (deshalb oft auf der Titelseite von Texteditionen die Angabe emendavit…).

Faksimile:
Im Prinzip eine Fotokopie einer Handschrift oder eines Drucks, kann an seiner Stelle verwendet werden. Entweder als Buch oder in elektronischer Form (Digitalisat).

Folio:
Einerseits Bezeichnung für einen einmal gefalzten Bogen, die kein Format, sondern nur ein Teilungsverhältnis angibt. Andererseits Größenbezeichnung für Bücher mit Rückenhöhen zwischen 35 und 45 cm (2°). Bücher mit Rückenhöhen über 45 cm werden als Großfolio (gr. 2°) bezeichnet. Weitere (kleinere) Buchformate: Quart, Oktav, Duodez, Sedez, etc.

folium:
Blatt (meist in Handschriften, aber auch noch in frühen Drucken). Stellenangabe erfolgt im Ablativ: z. B.: folio 18, abgekürzt f. 18 oder fol. 18. Hat eine Vorderseite (recto) und eine Rückseite (verso), abgekürzt mit r. und v. – Also: f. 18v = Blatt 18, Rückseite. (vgl. auch pagina).

Haplographie:
Zwei aufeinanderfolgende gleiche (oder ähnliche) Buchstaben/Silben/Wörter werden irrtümlich nur einmal geschrieben, z. B. aequoque statt aequo quoque, oder Gemüsuppe statt Gemüsesuppe, oder Philog statt Philolog. Verwandt ist der Zeilensprung, wenn zwei aufeinanderfolgende Zeilen gleich beginnen und durch aberratio oculorum nur eine davon geschrieben wird. Vgl. Dittographie.

Inkunabel (Pl. Inkunabeln):
Ein Druck, der vor dem 31. Dezember 1500 hergestellt wurde. Von incunabula “Wiege” oder “Windeln”, also etwa “Drucke aus der Kleinkinderzeit des Buchdrucks”

Kollation (kollationieren):
Vergleich von mehreren voneinander abweichenden Exemplaren eines Textes (i. d. Regel Handschriften) mit der Intention, den “Urtext” wiederherzustellen.

Konjektur (konjizieren):
Korrektur eines Textes durch den Herausgeber, indem der überlieferte Wortbestand verändert oder eine lacuna ausgefüllt wird. Wird in gröberen Fällen durch Spitzklammern – – angezeigt, manchmal auch durch kursiven Druck.

Korruptel(e):
eine kontaminierte oder verdorbene Textstelle, die im Normalfall mit einer Crux – † – gekennzeichnet oder durch Konjektur verbessert wird.

Kritischer Apparat:
Siehe (Text)kritischer Apparat!

Lacuna:
Eine Lücke im überlieferten Text. Wird vom Herausgeber festgestellt und verschieden angezeigt: z. B. Sterne oder drei Punkte zwischen Spitzklammern.

Lage:
Eine gewisse Anzahl von Papier- oder Pergamentbögen, die ineinandergefaltet und geheftet werden, sodass (aus mehreren Lagen) ein gebundenes Buch (Codex) entsteht. Häufig handelt es sich um 4 Bögen, dann spricht man von einem Quaternio (-onis m.), es gibt aber auch: Einzelbogen, Binio, Ternio, Quinio, Senio/Sexternio, …

lectio difficilior:
Ein mögliches (nicht unumstrittenes!) Prinzip zur Auswahl aus mehreren Lesarten: Man nimmt an, dass im Zuge der Überlieferung eher eine schwer verständliche Stelle vereinfacht wurde als eine ursprünglich einfache Stelle künstlich verkompliziert; daher wählt man im Zuge der Textkritik die schwerer verständliche Lesart.

Lesart (auch: Überlieferungsvariante):
eine (handschriftlich) überlieferte Variante.

Lesetext:
Etwas informelle Bezeichnung für Textausgaben ohne kritischen Apparat – sozusagen “nur” zum Lesen gedacht. Gegensatz zur Edition, die auch einen textkritischen Apparat enthalten sollte.

mechanischer Verlust:
Eine Textpassage ist verlorengegangen, indem z. B. ein Blatt aus einer Handschrift verlorenging.

pagina:
Seite (in einem Buch). Zählung erfolgt wie heute (das heißt, Vorder- und Rückseite erhalten fortlaufende Nummern, die Unterscheidung recto/verso – s. folium – wird hinfällig).

recentiores non deteriores:
Ein Philologensprichwort: “Jüngere (scil. Codices) sind nicht unbedingt schlechter.” Entgegen landläufiger Meinung muss z. B. eine Handschrift des 15. Jhdts. nicht unwichtiger/schlechter sein als eine des 9. Jhdts., denn es kann sein, dass sie auf eine (verlorene) Quelle zurückgeht, die besser war, als die erhaltene Hs. des 9. Jhdts.

Sigle (Pl. Siglen):
Vom Herausgeber vergebene Abkürzung für Textzeugen, die im kritischen Apparat Verwendung finden, in der Regel Großbuchstaben für Codices, Kleinbuchstaben für Druckausgaben oder weniger wichtige Codices, griechische Buchstaben für zusammengehörige Handschriftengruppen oder für weitere Codices, wenn’s zu viele davon gibt. Die Siglen werden unmittelbar vor dem edierten Text in einer Siglenliste (Siglenverzeichnis) erklärt. Z. B.: A Cod. Vind. Pal. 7221 saec. IX bedeutet: “Mit der Sigle A wird der Codex 7221 der Wiener Nationalbibliothek bezeichnet, und dieser stammt aus dem 9. Jahrhundert.”

Similienapparat:
Verweise auf Parallelstellen in älteren Texten (in einer Vergilausgabe etwa Verweise auf Homerstellen).

Stemma:
Vom Herausgeber rekonstruierter Stammbaum der erhaltenen Textzeugen (Codices), enthält meistens auch hypothetisch rekonstruierte Stufen. Bei komplizierten Überlieferungssituationen meist nicht erstellbar (oder dem Bereich science fiction zuzurechnen). ;-)))

Testimonienapparat:
Verweise auf spätere Bezeugungen des Textes (in einer Vergilausgabe etwa Verweise auf Augustinusstellen, wo dieser Vergil zitiert).

Text konstituieren:
Der Hauptarbeitsschritt zur Herstellung einer Edition. Aus der Gesamtheit der kollationierten Textvarianten (inklusive Konjekturen und sonstigen Verbesserungsvorschlägen früherer Editoren, falls es solche gab) und unter Durchführung von Konjekturen und sonstigen editorischen Eingriffen seitens des Herausgebers, d. h. durch Anwendung von Textkritik, wird der Text Wort für Wort so rekonstruiert, wie er nach Meinung des Editors ursprünglich lautete. Es versteht sich, dass dabei (je nach Überlieferungslage) oft nur ein Näherungswert zu erzielen ist.

Textkritik:
von κρíνειν “sichten, auswählen, entscheiden”. Bezeichnet den konkreten Entscheidungsprozess an Textstellen, die in der Überlieferung in mindestens zwei verschiedenen Lesarten vorliegen, wovon der Editor die seiner Meinung nach richtige auswählt; wenn keine Lesart richtig sein kann, muss entweder konjiziert oder die Stelle für unheilbar verdorben erklärt und unter Cruces gesetzt werden. Die Entscheidung für eine bestimmte Lesart (oder Konjektur) kann aus sprachlichen, inhaltlichen oder überlieferungsgeschichtlichen Überlegungen erfolgen.

(Text)kritischer Apparat:
gibt Auskunft über die verschiedenen Lesarten der Textzeugen und die Konjekturen bzw. Emendationen der verschiedenen Herausgeber, also über alle Varianten – mindestens die, die der Herausgeber für wichtig hält.

Transposition:
Eine Umstellung überlieferter Textpassagen (oder einzelner Wörter). Vermerk im kritischen Apparat trasp. oder transp.

Variante:
Überbegriff für Lesarten und durch Konjektur hergestellte Textformen (wird alles im textkritischen Apparat verzeichnet).

 

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann gelegentlich verändert/ergänzt werden.

Zitierregeln

Hier eine kurze Einführung in das Zitieren von Texten von Univ.Prof. Dr. Stefan Büttner M.A.

Es entspricht den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, sowohl jedes wörtliche Zitat als auch jede Paraphrase geistigen Gedankengutes anderer zu dokumentieren. Dabei soll die Angabe der Referenzstelle für jeden Leser einfach verständlich sein. Im Folgenden wird eine der üblichen Zitierweisen vorgeschlagen; es gibt selbstverständlich auch andere legitime Zitierweisen. Entscheidend ist, dass die Angabe für den Leser leicht entschlüsselbar ist und dass die Zitierweise durchgehend einheitlich bleibt.

Beim Zitieren von Primärliteratur ist es im Fließtext und in den Fußnoten aus- reichend, einfach den antiken Autor, den Titel seines Werkes und die entsprechende Kapitel- oder Zeilenangabe zu nennen. Dabei ist entweder die Abkürzungsliste im ersten Band des Neuen Pauly (DNP) zu verwenden (für griechische und lateinische Autoren) oder für griechische Texte das Lexikon von Liddell/Scott/Jones, für die lateinische Literatur der Index Librorum scriptorum des Thesaurus Linguae Latinae):

Arist. EN = Aristoteles, Ethica Nicomachea; Verg. Aen. 1,1 = Vergil, Aeneis, Buch 1, Vers 1.

Bloße Angaben von Textstellen kann man im Textteil von Hausarbeiten oder Hand- outs am besten im Fließtext in Klammern unterbringen, um Anmerkungs-Wüsten zu vermeiden, z.B.:
In seinen Epistulae bestätigt Seneca die stoische Uminterpretation der Idee und geht sogar noch einen Schritt weiter (epist. 58,19-21 und 65,7). Oder:
Gemäß dem zweiten Buch von Aristoteles’ Rhetorik empfinden wir Mitleid mit demjenigen, der unverdiente bzw. unverdient große Übel erleidet (1385 b11- b16).
Was die Forschungsliteratur angeht, so genügt in den Fußnoten die Angabe des Autors (fakultativ in Kapitälchen), der Jahreszahl (Klammern sind hier möglich) und der Seitenangaben (ohne Komma, wenn bei Jahreszahl Klammern verwendet sind), der Rest wird ohnehin aus dem Literaturverzeichnis klar, z.B.:

Vgl. zum Thema Fuhrmann (oder: FUHRMANN) 1984, 17-25 oder: (1984) 17-25.

Im Literaturverzeichnis muss man ausführliche Angaben machen. Das gilt sowohl für die Primär- wie für die Forschungsliteratur.
Textausgaben, Kommentare, Übersetzungen werden entweder nach den Angaben des Titelblattes zitiert:

  1. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia, de re publica, recogn. K.
    ZIEGLER, Lipsiae 1969 (oder Leipzig 1969).

Aristotle: Eudemian Ethics, Books I, II and VIII, Trans. with a Comm. by M.
WOODS, Oxford 21992 (11982).

Oder unter Voransetzung des Herausgebers:

MYNORS, R. A. B. (Hrsg.): P. Vergili Maronis opera, Oxonii 1969 (oder: Oxford
1969).

Die häufigsten Darbietungsformen von Forschungsliteratur sind Monographien, Aufsätze in Zeitschriften oder Sammelbänden und Lexikonartikel. Für Monogra- phien / Sammelbände gilt folgendes Muster:

Nachname, Vorname (mit dem Zusatz „Hrsg.“ für den Herausgeber von Sammel- bänden; bis zu drei Hrsg. werden namentlich erwähnt, danach die anderen nur mit
„u. a.“ angegeben): Titel, (wenn vorhanden:) Untertitel, Erscheinungsort und -jahr (bei einer späteren Auflage wird die Auflageziffer vor der Jahreszahl hochgestellt), zitierte Seitenzahl, Punkt.

Zum Beispiel:

HOLZBERG, N.: Vergil. Der Dichter und sein Werk, München 2006.
BUCHHEIM, T. / FLASHAR, H. / KING, R. A. H. (Hrsg.): Kann man heute noch etwas anfangen mit Aristoteles?, Darmstadt 2003.

Für Artikel in Sammelbänden, Zeitschriften und Lexika gelten im Prinzip dieselben Regeln, nur dass hier erst der Autor und der Titel, dann die Herausgeber / Zeitschriftentitel angegeben werden. Bei den Zeitschriften ist vor der Jahreszahl die laufende Bandnummer anzugeben. Viele Zeitschriften der klassischen Philologie haben übliche Abkürzungen, die im Zeitschriftenverzeichnis der L’Année Philologique (APh) aufgelöst werden können. Beispiele:

SCHMITT, A.: Die Literatur und ihr Gegenstand in der Poetik des Aristoteles, in: T. BUCHHEIM / H. FLASHAR / R. A. H. KING (Hrsg.): Kann man heute noch etwas anfangen mit Aristoteles?, Darmstadt 2003, 184-219.

TATE, J.: Plato and ‚Imitation‘, CQ 26, 1932, 161-169. [CQ findet man in der APh aufgelöst als Classical Quarterly.]
PFISTER, F.: Ekstase, in: RAC 4 (1959) 944-987.

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